Am 1. Juli 2003 ist in Hamburg ein neues Arbeitszeitmodell für Lehrerinnen und Lehrer in Kraft gesetzt worden. Angeblich in dem Bemühen um eine „gerechte Arbeitszeit im öffentlichen Dienst“ erweist es sich durch eine neue „Qualität“ als eine Sache mit katastrophalen Folgen. 

Alle schulischen Fächer wurden in Hamburg mit einem so genannten Zeitfaktor bewertet und damit in eine Rangfolge gebracht. Den höchsten Zeitfaktor hat das Fach Deutsch mit 1,90, den niedrigsten das Fach Sport. Sport hat in allen Schulformen, mit Ausnahme der Handelsschule für Blinde und Sehbehinderte, und in allen Jahrgangsstufen, Klassen und Kursen mit 1,25 den niedrigsten Zeitfaktor. Selbst Musik und Kunst sind höher eingestuft als Sport. Damit ist Sport diskriminiert, das Fach ist Schlusslicht, es trägt den Stempel des weniger Wichtigen und sogar Überflüssigen, seine Lehrkräfte sind solche zweiter Klasse. Hamburg hat damit nicht nur sich selbst einen schlechten Dienst erwiesen, es hat auch leichtfertig eine Entscheidung getroffen, die in einer Schulsportkatastrophe enden kann.

1. Hamburg denkt nicht an die nachwachsende Generation 

Sport ist das einzige Fach in der Schule, das die Entwicklung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen mit Hilfe der Bewegung fördert und so eine ganzheitliche schulische Bildung erst möglich macht. Unser Wissen um den positiven Zusammenhang von motorischem Lernen und kognitiven Lernen wird zurzeit ständig durch die Wissenschaft erweitert. Wer jetzt Sportlehrerinnen und Sportlehrer verunsichert und demotiviert, schadet nicht nur dem Fach, er schadet der kommenden Generation. 

2. Hamburg hat voreilig gehandelt 

Der Deutsche Sportbund und die Kultusministerkonferenz haben endlich die auch vom DSLV seit Jahren geforderte wissenschaftliche Untersuchung des Schulsports in Deutschland auf den Weg gebracht. Den Problemen des Schulsports wird in dieser Untersuchung primär im Beziehungsfeld von Schülern, Lehrern, Eltern und Schulleitungen nachgegangen. Zwei wichtige Aspekte sind auch die subjektiv empfundene Beanspruchung sowie die objektiv feststellbare Arbeitsbelastung von Sportlehrkräften. Erst auf der Grundlage der 2004/05 vorliegenden Ergebnisse können abgesicherte Entscheidungen von den Kultusbehörden getroffen werden. Hamburg hat diese Chance nicht genutzt. Dieselbe Unüberlegtheit wurde seinerzeit auch bei dem gescheiterten Versuch bewiesen, Berufsschüler mit Gutscheinen auszustatten, die sie in Sportvereinen einlösen sollten. 

3. Hamburg ist historisch blind 

Jahrzehntelange Versuche, eine exakte Relation zwischen der Lehrerarbeitszeit und der generellen Arbeitszeit im öffentlichen Dienst herzustellen, sind immer wieder gescheitert. Verwaltungsgerichte aller Instanzen haben ausgeführt, dass letzte Genauigkeit nicht zu erreichen sei. Vielmehr sei man auf Pauschalisierungen und Schätzungen angewiesen. Noch in 2002 hat das Verwaltungsgericht Düsseldorf ausgeführt, dass die Gleichbehandlung ungleicher Sachverhalte „nicht gegen den Gleichheitssatz“ verstoße. Unabhängige Untersuchungen aus den letzten 30 Jahren kamen zu dem Ergebnis, dass die Belastung von Lehrerinnen und Lehrerfächerunabhängig bei bis zu 56 Stunden liegen kann. 

4. Hamburg schafft neue Ungleichheit 

In unserem Schulwesen hat es Tradition, dass Lehrkräfte der verschiedenen Schulformen unterschiedliche Wochenstundenzahlen haben. Eine Übertragung dieses Aspekts auf die Fächer gab es bisher nicht. Fächer sind für den Verordnungsgeber erst einmal alle gleich, unabhängig davon, ob es den Umfang des Studiums, die Vergütung oder anderes betrifft. Mit der willkürlichen Setzung von Zeitfaktoren hat Hamburg jedem Fach einen höheren oder geringeren Wert aufgestempelt, um so vermeintlich gerechter verfahren zu können als bisher. Unbestritten ist, dass neben greifbaren Unterschieden wie etwa Korrekturen die Arbeitsbelastung einer Lehrkraft von vielen Faktoren abhängig ist. Einsatzbereitschaft, pädagogische und fachliche Kompetenz, Ideenreichtum und vor allem die Vielfalt der zu unterrichtenden Schülerinnen und Schüler entscheiden darüber, wie Lehrkräfte gefordert und belastet sind, und dies unabhängig von jedweden fachlichen Besonderheiten. Anknüpfend an Hamburg könnte man die Inwertsetzung durch Zeitfaktoren für jedes Fach durch alle Bundesländer gesondert durchführen lassen. Das Ergebnis würde zeigen, dass Hamburg keine exakten Nachfolger findet. Die Rankinglisten sähen unterschiedlich aus, weil auch die Einschätzung der Fächer von Land zu Land unterschiedlich ist.

5. Hamburg blickt nicht in die Zukunft 

In Hamburg sind der Imageverlust des Faches Sport und die Auswirkungen auf die Schüler und Lehrkräfte nicht bedacht worden. In wenigen Jahren werden in Deutschland mehr als 75000 Lehrerinnen und Lehrer an unseren Schulen fehlen. Sportlehrkräfte machen beim Fortbestand der gegenwärtigen Verordnungslage um das Land Hamburg einen großen Bogen. Diejenigen, die derzeit noch dort in Diensten stehen, werden die nächstmögliche Gelegenheit nutzen, um auf ihr anderes Fach auszuweichen oder ganz aus dem Dienst auszuscheiden. Zu fragen ist auch, wie denn zukünftig die Lehrerausbildung an den Hochschulen zu gestalten ist. Das Hamburger Modell jedenfalls ist unvereinbar mit der derzeitigen Hochschulausbildung. Mit bis zu sieben Wochenstunden mehr Unterricht sind Sportlehrkräfte nicht länger in der Lage und willens, den außerunterrichtlichen Schulsport zu betreuen. Sie werden ihr Engagement in Schule und Verein, eine wichtige Brückenfunktion, reduzieren oder sogar ganz aufgeben müssen. Das trifft dann vor allem die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Schule, die sportliche Erfolge gern als Aushängeschild benutzt. Der Deutsche Sportlehrerverband geht davon aus, dass der entscheidende Impuls für die Hamburger Maßnahme die leeren Kassen gewesen sind. Andere Bundesländer in gleicher Lage haben sich mit der Bitte an ihre Lehrerschaft gewandt, die Erhöhung der Wochenstundenzahl um eine Stunde, gleichmäßig über alle Fächer, als Hilfe für das Land zu akzeptieren.

Hamburg hat bei seiner Entscheidung nicht das Wohlergehen seiner Bürgerinnen und Bürger, vor allem nicht der nachwachsenden Generation, berücksichtigt. Hamburg hat dem Sport in und außerhalb der Schule in hohem Maße geschadet. Der Deutsche Sportlehrerverband fordert alle Verantwortlichen in Hamburg und an anderer Stelle auf, darauf hinzuwirken, dass die Hamburger Entscheidung dem Sport in Deutschland keinen weiteren Schaden zufügt.

Vorgelegt und verabschiedet auf der Hauptvorstandssitzung des Deutschen Sportlehrerverbandes e. V. am 14./15. November 2003 in Berlin.